Folge 1386
„Orakel Paul“
Sendetermin:
Das Erste - Sonntag, 24.06.2012 - 18:50 Uhr
Buch: Marcus Seibert
Regie: Dominikus Probst
Redaktion: Sophie Seitz
Wiederholungstermine:
So, 24.06., 23:15 Uhr, EinsFestival
Mo, 25.06., 05:40 Uhr, NDR
Fr, 29.06., 02:20 Uhr, HR
Orakel lat. oraculum, „Götterspruch, Sprechstätte“ zu "orare", "sprechen, beten"
Zweifelsohne dreht sich dieser Tage für so manchen alles um den Fußball. So wird es vermutlich auch, mit "Orakel Paul", in der heutigen LiStra-Folge sein. Doch bevor wir uns der Gegenwart - und dem Runden, das ins Eckige muss - widmen, machen wir eine kurze Zeitreise in die Antike (schließlich soll die Bildung nicht zu kurz kommen), zum wohl bekanntesten Orakel der alten Griechen, dem "Orakel von Delphi", und nach Ägypten, der Heimat des "Orakels von Siwa".
DelphiIm 8. Jahrhundert vor Christus tauchte Delphi in der griechischen Geschichte erstmals auf. In Griechenland ging in diesem Jahrhundert das Dunkle Zeitalter vorbei, als die griechischen Städte immer mehr an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung gewannen . Die Stadtstaaten entwickelten eigene Gesetze und Verfassungen, die schließlich die Grundlagen der späteren Poleis werden sollten.
Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in Delphi die Erdmutter Gaia verehrt. Mit dem Erwachen der klassischen griechischen Kultur wurde in Delphi der Tempel dem Gott Apollo geweiht. Damit war auch die Bestimmung der Kultstätte vorbestimmt. Apollo war in der Mythologie u.a. verantwortlich für das Schlichten von Streitfällen. Diese Aufgabe sollte das Orakel für fast 1000 Jahre in Griechenland übernehmen.
Zeus hatte Delphi eine weitere herausragende Bedeutung gegeben, in dem er den Ort zum Mittelpunkt der Welt erklärt hatte. Zu diesem Mittelpunkt der Welt sollten in den Jahrhunderten unzählige Menschen pilgern, um hier Rat zu suchen. Es waren aber nicht nur Politiker der Stadtstaaten und Herrscher aus der damals bekannten Welt, die nach Delphi reisten. Auch Privatleute konnten vom Orakel Rat ersuchen.
Ab 450 v. Chr. verlor Delphi an politischen Einfluss. 356 v. Chr. geriet Delphi unter die Herrschaft der Phoker. Bis zum Beginn der römischen Herrschaft regierten die Makedonier und die Aitoler die Stadt. In hellenistischer Zeit schwand die Bedeutung Delphis weiter. Auch Rom ging nicht sehr fürsorglich mit dem ehemals berühmten Orakels um. So wurde der Tempel von den Römern mehrfach geplündert.
Die Geschichte des Orakels endete mit dem Siegeszug des Christentums im Römischen Reich. Kaiser Theodosius I. verbot 390 das Orakel und ließ 398 den Apollo-Tempel zerstören.
Im Apollo-Tempel von Delphi waren zwei Priester für die Formulierungen der Vorhersagen zuständig. Sie wurden auf Lebenszeit gewählt und von fünf so genannten “Eingeweihten” unterstützt. Die stammten immer aus den angesehendsten Familien Delphis.
Die eigentlichen, oft mehrdeutigen Prophezeiungen stammten von der Pythia. Auch sie stammte immer aus Delphi und war auf Lebenszeit gewählt. Die Pythia saß während ihrer Weissagungen im so genannten Adyton des Apollo-Tempels auf einem Dreifuß. Während der Sitzung wurde Weihrauch verbrannt. Die Pythia kaute Lorbeerbretter und versetzte sich in Trance. Sie saß hinter einem Vorhang und verkündete ihre Eingebungen. Durch den Rauschzustand konnten die Worte unverständlich sein, und es oblag den Priestern, die Weissagung zu “übersetzen”.
Die Priester in Delphi bauten in den Jahrhunderten ein engmaschiges Informantennetz in der damals bekannten Welt auf. Dadurch erwarben sie bemerkenswerte Kenntnisse über die politische Lage nicht nur in Griechenland. So informiert konnten die Priester die Sprüche entsprechend formulieren. Die Auslegung der Weissagungen überließen die Priester aber dem Ratsuchenden.
http://www.meinebibliothek.de/Texte5/html/delphi.html SiwaDas Orakel von Siwa war neben dem Orakel von Delphi (Apollo) und Dodona (Zeus) die bekannteste Orakelstätte in der Antike. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. befand es sich in einem erst in dieser Zeit gebauten Tempel (Ammonion), der dem altägyptischen Gott Amun geweiht war. Die Archäologen sind sich jedoch heute einig, dass Siwa bereits vor dem Bau dieses Amun-Tempels schon als Orakelort bekannt war. Ferdinand Tönnies vermutete bereits 1876, dass sich das Orakel von Siwa vor der Errichtung des Amun-Tempels am selben Platz in einem ursprünglichen Heiligtum des Apollon Karneios befand.
Der bekannteste Besucher des Orakels ist zweifellos Alexander der Große, der Macht und Einfluss des Orakels nutzte und sich in Siwa als „Sohn des Zeus“ begrüßen ließ.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Oase Siwa von Rommels Afrikakorps insgesamt dreimal besetzt. Dabei badeten einige seiner Soldaten nackt in dem steingefassten Becken des berühmten heiligen Brunnens in der Nähe des Amun-Tempels, was den Einheimischen als Sakrileg und böses Omen galt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Orakel_von_Siwahttp://www.moin-monja.de/egypt/oasentou ... l-siwa.htmDie Orakel des Altertums haben ihre Spuren hinterlassen und wirken in vielfältiger Weise bis in die heutige Zeit. Natürlich kommt auch ein Asterix-Comic nicht ohne Geschichten aus, die sich um Seher, Sybillinische Bücher und Orakel drehen.
http://www.comedix.de/lexikon/db/seher.phpSelbst eine schlichte Blume, die Margerite wird im Volksmund "
Orakelblume" genannt.
Leucanthemum vulgare, die „echte Margerite“, ist die Orakelblume, die im Frühsommer auf vielen Wiesen und in Gärten blüht. Die Symbolik der weißen Blüten mit der orangefarbenen Mitte lässt sich auch auf die Strauchmargerite, Chrysanthemum frutescens, übertragen. Ihren Ruf als Orakelblume – „Er liebt mich, er liebt mich nicht“ – verdankt die Margerite ihren einzeln am Blütenkörbchen angesetzten Blütenblättern, die sich separat abzupfen lassen, ohne dass gleich der gesamte Blütenkranz auseinanderfällt. Margeriten gelten auch als Symbole der unentschlossenen Liebe.
Der Komponist Robert Stolz, widmete dieser Blume sogar ein Lied.
http://www.youtube.com/watch?v=gVdkrLQhOIYTreibt die Margerite noch echte, so treiben manche Orakel der Neuzeit doch recht seltsame Blüten,
wie z.B.
Das Gummibärchenorakel.
http://www.gummibaerchen-orakel.ch/orakel/
Ähnlich weich wie Gummibärchen, nicht minder liebenswert und bisweilen sogar schmackhaft, sind Tintenfische. Ein ganz besonderes Exemplar dieser Gattung war ein Oktopus namens Paul, das Fußballorakel schlechthin, und Namensgeber der heutigen LiStra-Folge.Wohnhaft im Großaquarium des Oberhausener Sea Life Centres, erlangte dieser Krake als Fußball-Orakel Berühmtheit. Vor allem durch seine Vorhersagen während der Fußball-WM 2010. Den Ausgang aller Spiele mit deutscher Beteiligung, sowie das Endspiel, sagte das Krakenorakel im Jahr 2010 korrekt voraus. Bei der EM 2008 lag er lediglich zweimal falsch. Seine Vorhersagen traf Paul, indem jeweils einige Tage vor dem Spiel zwei gleichartige Deckelboxen aus Acrylglas in das Aquarium gesenkt wurden. Die Boxen enthielten Wasser und Futter in Form einer Miesmuschel. Auf der Betrachterseite waren die Boxen mit der jeweiligen Nationalflagge der beiden Länder beklebt, deren Fußball-Nationalmannschaften gegeneinander antreten sollten. Pauls Futterauswahl galt dann als Vorhersage des späteren Siegers.
Paul in Aktion: Vorhersage Deutschland-Argentinienhttp://www.youtube.com/watch?v=novqNYwY9x4Weils so schön war: Die Highlights des Spielshttp://www.youtube.com/watch?v=t4Nwadg2aXwIm Oktober 2010 starb Paul eines natürlichen Todes. Im Januar 2011 wurde im Sea Life Oberhausen ein Denkmal für Paul eingeweiht. Es besteht aus einem Fußball, auf dem eine Oktopus-Figur thront.
Und da wir kein Krakenorakel mehr haben, ist deshalb heute sein Namensvetter, der kleine Paul Dagdelen als Orakel gefragt. Wie wird er wohl tippen und, noch viel wichtiger, kann er Krake Paul mit seinen Vorhersagen das Wasser reichen?
Ich wünsch euch allen viel Spaß bei der heutigen Folge, die hoffentlich so richtig rund wird!