08. Dezember 2014, 03:01 Uhr
Immobiliengeschäfte
ExVatikanbankChef soll 60 Millionen Euro veruntreut habenAus Rom berichtet HansJürgen Schlamp
Mit unsauberen Immobiliengeschäften soll ein ehemaliger Chef der Vatikanbank mit zwei Kumpanen fast 60
Millionen Euro beiseite geschafft haben. Es ist das erste Mal, dass der Vatikan selbst einen Skandal öffentlich
macht.
Rom Angelo Caloia, 75, war zeitlebens ein guter Katholik und ein verdienter Christdemokrat. Er war Bürgermeister
seiner Heimatgemeinde Castano Primo und ein angesehener Wirtschaftsprofessor, Ordinarius an der "Katholischen
Universität vom Heiligen Herzen" in Mailand. Die Krönung seiner Karriere freilich war die Zeit von 1989 bis 2009: Da war
er Präsident des "Instituts für Religiöse Werke" (IOR), wie die Bank des römischkatholischen Kirchenreiches offiziell heißt.
Dieses, simpel auch "Vatikanbank" genannte Geldinstitut, war jahrzehntelang in alles verwickelt, was irgendwie kriminell
ist.
Dann kam Angelo übersetzt: der Engel und heilte die durch und durch kranke Bank, wie die italienische WikipediaSeite
noch heute jubelt. Doch so ganz kann das nicht stimmen. Denn nun steht der Herr Präsident unter einem sehr üblen
Verdacht: Gemeinsam mit dem damaligen IORGeneraldirektor Lelio Scaletti und einem römischen Rechtsanwalt soll der
verdiente Ehrenmann zwischen 2001 und 2008 insgesamt 29 Immobilien der Vatikanbank verkauft und einen Teil der
Erlöse abgezweigt haben, glaubt der Staatsanwalt des Kirchenstaates.
Das Geschäft war demnach ebenso schlicht wie lukrativ und lief in zwei Versionen ab.
Trick eins: Die Immobilien wurden zu überaus günstigen Preisen an Briefkastenfirmen in Steueroasen verkauft, die dem
Trio PräsidentGeneraldirektorAnwalt gehörten. Deren Firmen verkauften die Häuser oder Wohnungen dann deutlich
teurer weiter die Differenz blieb bei ihnen
Trick zwei: Bauten aus IORBesitz in bester römischer oder auch Mailänder Lage wurden billigst an halbseidene Firmen
verhökert. Diese verkauften die Schnäppchen zügig zu Marktpreisen weiter. Den Gewinn teilten sich diese Firmen und das
VatikanTrio.
Auf diese Weise sollen die drei ehrenwerten Bürger fast 60 Millionen Euro eingesackt haben. Etwa 17 Millionen Euro auf
verschiedenen Konten hat die Staatsanwaltschaft bereits eingefroren. Weiteren Geldverstecken sind die Fahnder auf der
Spur, unter anderem in der Karibik.
Kein Platz mehr unterm Teppich
Die eigentliche Sensation des neuen Skandals ist, dass der Vatikan selbst ihn öffentlich macht. Das hat es früher so nicht
gegeben: Da wurde meist alles so lange unter den Teppich gekehrt, wie da noch Platz war. Aber spätestens Anfang 2013
wurde dieser Platz knapp. Die italienische Zentralbank zugleich Aufsichtsbehörde über die Geldinstitute des Landes
untersagte der italienischen Tochter der Deutschen Bank, das Geld und Kreditkartengeschäft der Vatikanbank so wie
bislang abzuwickeln. Damit war die Vatikanbank vom Geschäftsverkehr mit italienischen und europäischen Banken
weitgehend abgeschnitten. Kein Tourist konnte im Vatikan noch mit einer Kreditkarte zahlen.
Seit Jahren hatten die Aufsichtsbehörden Italiens und anderer europäischer Länder die Bankiers des Papstes vergebens
gedrängt, die für alle EUInstitute vorgeschriebenen Regeln zur Verhinderung von Geldwäsche auch hinter den
Vatikanmauern anzuwenden. Insbesondere geheime Nummernkonten, deren Inhaber bei Überweisungen,
Scheckeinlösungen und ähnlichen Transaktionen nicht erkennbar sind, galten als höchst verdächtig.
Nun war der Vatikan im Zugzwang, und der damalige Papst Benedikt XVI, der schon länger, wenn auch ohne großen
Erfolg, versucht hatte, Licht in die dunklen Bankgeschäfte zu bringen, machte sich erneut daran, die IORKonten und
Geschäfte für Kontrolleure aus der nichtkirchlichen Außenwelt zu öffnen. Doch Benedikt war schwach, seine Gegenspieler
stärker. So richtig in Fahrt kam die Aktion erst, als Benedikts Nachfolger Franziskus drohte, die Vatikanbank zu schließen,
wenn dort nicht Moral und Transparenz einkehrten.
Versteckte Millionen
So nahm das Schicksal seinen Lauf. Wirtschaftsprüfer aus verschiedenen Ländern beugten sich über die IORBücher und
stießen bald auf die Immobiliendeals. Und, oh Wunder, der VatikanStaatsanwalt wurde eingeschaltet. Vergebens
versuchten einflussreiche Kardinäle die Sache an sich zu reißen, um sie, wie seit ewigen Zeiten üblich, still abzuschließen.
Plötzlich waren junge, meist nichtitalienische Kirchenfürsten zuständig und ließen die greisen Seilschaftsführer auflaufen.
Kirchenfremde Buchhalter und Finanzexperten bevölkerten die VatikanbankBüros. Sie stießen auf namhafte Geldbeträge
einige hundert Millionen Euro, sagen Insider die von den unterschiedlichsten Abteilungen oder Gruppierungen im
Vatikan gebunkert worden waren, wofür auch immer und die in den offiziellen KirchenstaatEtats gar nicht auftauchten.
Und sie stießen dabei auch auf die seltsamen Immobilientransaktionen zu Lasten der Kirchenkasse.
Haftbefehle für das Trio seien als Rechtshilfeersuchen bei den italienischen Behörden beantragt worden, heißt es, offiziell nicht bestätigt, im Vatikan.
URL:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vatikanbankchefangelocaloiasollmillionena1007120.html