Aus der online-Ausgabe des SPIEGEL vom 08. Dezember 2007
AKTION "LICHT AUS!"
Grün sein, schwarz sehen
Mit Stromspar-Befehlen will die Aktion "Licht aus!" heute unsere Klimaretter-Seelen retten. Und falls dann um 20 Uhr das Netz zusammenbricht, fällt sogar "Wetten dass...?" mit Kylie Minogue aus. Reinhard Mohr gibt Tipps, wie wir Schwarzseher zu grüneren Menschen werden.
"Mehr Licht!" soll Goethe auf dem Totenbett gesagt haben, bevor es endgültig dunkel wurde um ihn. Klimatechnisch war der gute Geheimrat also auf der falschen Seite. Unsere Eltern waren da schon klüger. Bevor es im Bett zur Sache ging, hieß es meist: "Heinrich, mach das Licht aus!" Der Geburtenrate hat es nicht geschadet. Im Gegenteil.
Hier nun knüpft die Aktion "Licht aus!" nahtlos an, die heute Abend um 20 Uhr dafür sorgen soll, dass es in der Schweiz, Österreich und Deutschland für fünf Minuten möglichst dunkel wird – ein Fanal für den Klimaschutz, und ein kleiner Gruß nach Bali, wo Sigmar Gabriel für uns alle kämpft. Wir sind ja schon zweitbeste Klimaretter der Welt (mehr...). Doch wir wollen Erster sein. Wie immer.
Fünf Minuten Licht aus – eine tolle Sache. Aber sie kann nur ein kleiner Anfang sein. Wir müssen mehr tun. Von den Kassandrarufen einiger Stromexperten, die den Zusammenbruch des europäischen Stromnetzes bei plötzlichem Spannungsabfall befürchten, lassen wir uns schon gar nicht beeindrucken (mehr...). Was wissen schon Experten. Und wenn schon – dann wird es eben heute Abend komplett dunkel und "Wetten dass...?" fällt aus. Kylie Minogue muss dann eben ihre Abendplanung ändern. Na und? Wenn der eine oder andere Zug in den Schweizer Bergen stecken bleibt – auch nicht schlimm.
Nichts geht über eine gemeinsam verbrachte Nacht im Glacier-Express am Berninapass zwischen Diavolezza und Lagalb, und Decken gibt's bestimmt genug für alle. Das wäre ein noch stärkeres Zeichen. Zusammenrücken ist die Message. We are just one world! Vielleicht schreibt Bob Geldof ein schönes Lied darüber nach der alten Melodie: "I don't like brightness!"
100-Watt-Birnen oder eine Lichterkette?
Und erinnern Sie sich noch an Rio Reiser und "Ton, Steine, Scherben": "Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten..." Als wäre es eine Prophezeiung gewesen. "Morning has broken" haucht Cat Stevens alias Yussuf Islam, anschließend die Beatles mit "Here comes the sun". Und zum schönen Schluss noch der Song von "Grauzone" aus den Achtzigern, der alles vorweg genommen hat: "Ich möchte ein Eisbär sein/ Im kalten Polar/Dann müsste ich nicht mehr schrei'n/Alles wär' so klar."
Einfach Wunderbar. Herrschaftszeiten. Aber schön der Reihe nach.
Weihnachten steht vor der Tür, und hier bieten sich mannigfaltige Möglichkeiten, die Geburt Jesu Christi klimaneutral zu feiern, den Menschen in aller Welt ein Wohlgefallen, ein Segen für den Stromzähler. Und bitte sehr: War es nicht im Stall von Bethlehem fast so dunkel wie in der sternenklaren Nacht? Hatte der Erzengel Gabriel vielleicht 100-Watt-Birnen oder eine Lichterkette dabei, um seine Botschaft rüberzubringen?
Deshalb schlagen wir als erstes vor: Weg mit der verschwenderischen Weihnachtsbeleuchtung in unseren Städten! Nehmen Sie nur den Berliner Prachtboulevard Unter den Linden – ein hunderttausendfacher Stromverbrauchsexzess ohnegleichen. Auf dem Kurfürstendamm sieht es nicht besser aus. Selbst der französische Sonnenkönig Ludwig XIV., Herrscher über Versailles, wäre in Ohnmacht gefallen angesichts derart luxuriöser Verschwendung.
Oder der Nürnberger Christkindl-Markt – ein einziger Wahnsinn. Die unfassbaren Glitzerparaden auf der Hamburger Mönckebergstraße – einfach nur irre. Weg damit. Dem echten Hanseaten genügt Glühwein und Grog mit ansssständig Rum drin. Hat denn noch niemand an eine Weihnachtsmarktenergiesparverordnung gedacht, während sonst jedes mickrige Einfamilienhaus energieverbrauchsmäßig durchgescannt wird wie unsereins bei der Flughafenkontrolle?
Zum Nachtisch gibt es Kalten Hund
Doch halt. In unserer post-klimakterischen und prä-katastrophalen Erregung kommen wir aufs falsche Gleis. Es geht um uns. Ums Individuum. Um dich und mich.
"Wenn wir die Welt retten wollen, kommt es auf jeden einzelnen an", hat die Grüne Bärbel Höhn kürzlich bei "Hart aber fair" gesagt, bevor sie nach Bali jettete. Und tatsächlich, wir können nicht auf eine kommunale Weihnachtsmarktenergiesparverordnung warten. Fangen wir bei uns selber an. Zum Beispiel in der Küche. Was wäre, wenn wir heute Abend nicht nur das Licht ausmachen, sondern auch den Kühlschrank abstellen. Das spart viel mehr Strom, und außerdem ist er längst mal wieder fällig für eine gründliche Reinigung. Bestimmt auch bei Ihnen.
Laden Sie Ihre Nachbarn dazu ein, und so wird es, ganz ohne "Wetten dass...?", ein gemütlicher Abend bei Kerzenschein werden. Rotweinflaschen aufmachen ist ja erlaubt. Für alles, was danach kommt, brauchen Sie kein Licht. Denken Sie bloß an Ihre Eltern. Zurück vom Schlafzimmer in die Küche: Für die Weihnachtszeit sollte die Parole lauten: "Heute bleibt die Ente kalt - selbst im nächsten Wienerwald!" Und auch den Zimtstern haben wir gar nicht mehr gern.
Er ist nicht nur giftig wegen der Nitrosamine (oder waren es Amphetamine?), er verbraucht auch Unmassen Herd- und Heizenergie. Statt Ente, Gans, Truthahn und ähnlichem Gefieder, das stundenlang sinnlos in der Röhre schwitzt, machen wir uns eine schöne Avocadocreme, Rote Bete mit Minze, Baba Ganoush, aromatischen Auberginenkaviar, Taboulé und Wassermelone mit Schafskäse. Zum Nachtisch gibt es Kalten Hund. Das erinnert uns an unsere Jugend und macht herrlich melancholisch. Dann brauchen wir noch weniger Licht.
Sie sehen, in welche Richtung es gehen muss.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 88,00.html