12. März 2010, 11:57 Uhr
Furios-fiese US-Komikerinnen
"Ich treib's mit Schwarzen. Aber nicht freiwillig"
Von Daniel Haas
Sie sind schräg, schrill, scharfsinnig: Die US-Komikerinnen Kathy Griffin, Lisa Lampanelli und Wanda Sykes mischen das Stand-up-Genre auf. Grenzen der Political Correctness gibt es keine. Von Barack Obama bis Oprah Winfrey werden Vertreter aller politischen und ethnischen Gruppen verballhornt.
Wenn sie auf die Bühne kommt, denkt man: Das ist ja meine Tante! Die, die immer zu viel Torte isst und nach zwei Gläsern Likör anfängt zu heulen. Langer Rock, fliederfarbene Bluse, darüber eine Strickjacke, die in den Fünfzigern modern war; die Frisur mit Lockenwicklern zu einer Art Helm aus Haar zurechtgebogen.
Dann macht Lisa Lampanelli den Mund auf, und allen klappt die Kinnlade herunter: "Ich treib's mit Schwarzen. Oh ja! Aber nicht freiwillig. Ich hab einfach noch nicht genug abgenommen, um einen Weißen abzukriegen."
So beginnt ein Abend mit der Queen of Mean, der Königin der Gemeinheit, einer der besten und härtesten Komikerinnen der USA. Im Publikum sitzen Afroamerikaner, Latinos, Asiaten, Weiße. Und alle werden rangenommen.
"Die Mittelschichtsmamis hassen mich. 'Sie ist so obszön!', sagen sie. 'Sie ist der Grund, warum es Schießereien in den Schulen gibt!' Stimmt nicht. Es liegt an den Schwarzen." Alle lachen, vor allem die weißen Mittelschichtsmamis. "Sorry, dieser Witz bedient ein Stereotyp." Kunstpause. "In Wirklichkeit gehen Schwarze nicht in die Schule." Alle lachen, vor allem die Afroamerikaner.
"Hey Hector", sagt Lampanelli zu einem lateinamerikanischen Mann in der ersten Reihe, der sich glucksend die Tränen aus den Augen wischt. "Als ob du schon mal eine Schule von innen gesehen hättest. Höchstens, als du den Flur gewischt hast." Und ins Publikum: "Mal ehrlich, Leute: Vampire kriegen tagsüber mehr gebacken als ein Latino."
So geht das eine Stunde lang weiter, keiner wird geschont, selbst Behinderte nicht: "Ich mache Witze über alle, selbst über geistig Zurückgebliebene. Hier sind ja heute Abend keine. Und selbst wenn: Würden sie die Pointen überhaupt mitkriegen?"
Das Publikum hat den Witz begriffen: Es ist eine Ehre, von Lampanelli verunglimpft zu werden. In der Schmähung liegt eine zutiefst demokratische Erfahrung, eine Kommunion im Geiste der Comedy. Die 48-jährige ehemalige Journalistin füllt die renommiertesten Clubs, ist Dauergast im Fernsehen und erhielt 2008 einen Grammy für das beste Comedy-Album.
"Diät. Pilates. Crack"
Was Lampanelli für die Ethnien, das ist Kathy Griffin für Hollywood und das Fernsehen. Kaum ein großer Star, der noch nicht von ihr gekränkt worden wäre. "Sollte ich eines Tages spurlos verschwinden, ruft als erstes Renée Zellweger an", sagt sie stolz. "Sie wäre ganz vorne in den Top 30 der Verdächtigen."
Dabei gilt: Je prominenter die Person, desto schärfer die Attacke. "Desperate Housewives"-Star Teri Hatcher: "Angeblich hat sie sich noch nie liften lassen. Wirklich? Ist sie heute Morgen einfach als Koreanerin aufgewacht?" Lindsay Lohan: "Hat eine Menge Gewicht verloren. Diät. Pilates. Crack."
Griffin, 49, sieht in ihrer aktuellen Show aus wie eine Puffmutter, die versucht, bürgerlich zu wirken: rote Mähne, Glitzerlidschatten, enger schwarzer Anzug. Ihre Stimme klingt wie Tom Waits, der Micky Maus nachmacht. Sie selbst bezeichnet sich als D-Promi, als den Bodensatz der Celebrity-Kultur. Mit der Rolle des Rampenlicht-geilen Möchtegerns hat sie Publikum und Kritiker erobert; zweimal wurde sie mit dem Emmy, dem US-Fernseh-Oscar ausgezeichnet.
Beginnt die Blütezeit von Komikerinnen, die Phase höchster, aus Fiesheit und Scharfsinn gemischter Virtuosität, womöglich erst jenseits der 40? Wanda Sykes ist seit über 20 Jahren im Geschäft, sie war Autorin für die Oscar-Verleihung und Comedy-Shows, hatte Hauptrollen in Fernsehserien, auch sie ist Emmy-gekürt.
Letztes Jahr, mit 45, kam die Afroamerikanerin ganz oben auf der Karriereleiter an: Sie wurde Gastrednerin beim Correspondent's Dinner, einem Bankett zu Ehren des Präsidenten im Weißen Haus. Weil sie den Journalisten und Demokratenhasser Rush Limbaugh mit Osama Bin Laden verglich, lief die konservative Presse Sturm. Mehr Ruhm und Ehre ist für eine Comedienne in den Staaten nicht zu haben.
Vorsicht, N-Wort!
Der Abend im Weißen Haus ist auch ein Thema ihrer neuen Show "I'Ma Be Me". Man habe ihr damals vor ihrem Auftritt einen Zettel in die Hand gedrückt: "Bitte benutzen Sie nicht das F- oder das N-Wort", hätte darauf gestanden. "Was haben die gedacht?", fragt sie mit gespielter Entrüstung. "Dass ich da reingehe und sage: Nig.ger, wie cool! Du bist der fucking Präsident!"? Nein, sie weiß, wie man sich gegenüber dem Präsidenten verhält. Und sie ist mächtig stolz auf ihn, auch wenn er gemischtrassig ist. "Für mich ist er der erste schwarze Präsident. Allerdings nur, wenn er keinen Mist baut. Wenn er versagt, bin ich die erste, die sagt: Wer hat eigentlich diesen halbweißen Typen gewählt?"
Sykes ist die politischste unter den Hardcore-Comediennes, und Obama ist der größtmögliche Glücksfall für ihren Humor. Wo andere Komiker Probleme mit der Political Correctness haben, macht sie sich ungehemmt über den Graskonsum, die Medienkoketterie und den Sex-Appeal des Präsidenten lustig.
Auch Michelle Obama kriegt eine Rolle in diesem Szenario: "Wir müssen uns daran gewöhnen, eine schöne First Lady zu haben. Eine, die gern Haut zeigt. Und dann wird sie kritisiert, weil sie ärmellose Kleider trägt. Leute, das Land ist pleite! Ärmel kosten Geld, ok?!"
Rasse, Klasse, Geschlecht: Diese Kategorien bestimmen das gesellschaftliche Leben der USA, sie sind auch zentrale Motive für die Arbeit von Künstlern und Entertainern. Und gerade weil das Land so peinlich genau darauf bedacht ist, die Regeln politischer Korrektheit einzuhalten, gibt es eine brillante Comedy-Kultur. Sie arbeitet sich an Themen wie Rassismus und Sexismus ab, demontiert aber zugleich die Sittenwächter, die diese Missstände für ihren moralischen Rigorismus instrumentalisieren.
Gegen Schwarzweiß-Denken
In einem Interview sagte Lisa Lampanelli: "Weiße verteidigen immer Schwarze. Als könnten die das nicht selbst. Wie rassistisch ist das denn, bitte?"Kathy Griffin scherzt aus diesem Grund ausgiebig über die Afroamerikanerin Oprah Winfrey, den mächtigsten Unterhaltungsstar Amerikas: "Machen wir uns nichts vor: Sie hat unseren Präsidenten ausgesucht. Wir können so tun, als hätten wir gewählt. Aber sie hat ihn verdammt nochmal für uns ausgesucht."
Sykes witzelt auch über die Klischees schwarzer Folklore: "Dank Obama kann ich jetzt sogar Stepptanzen, ohne dass die politisch Korrekten sagen: Sie wirft uns um Jahre zurück! Ich kann sogar Wassermelonen kaufen und muss sie nicht mehr heimlich unter meiner Marihuana-Lampe züchten."
Und Lampanelli, die böse Tante des Stand-up-Geschäfts, setzt dem ganzen die Krone auf: "Ladies, vögelt wenigstens einmal in eurem Leben mit einem Schwarzen."
Pause.
"Das versaute Image ist es wert."
Die Komikerinnen auf DVD:
Kathy Griffin: "She'll Cut a Bitch" , Shout
Wanda Sykes: "I'Ma Be Me" , HBO
Lisa Lampanelli: "Long Live the Queen", Warner
URL:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 16,00.html