Zu der Diskussion im aktuellen Folgen-Thread um Arbeit vs. BGE.
Mal eins vorab: Das aktuelle System aus ALG I und II ist sehr reformbedürftig. Es ist teils ungerecht - vor allem gegenüber Älteren, die schon viele Jahre gearbeitet haben. Und es ist uneffektiv und teuer, es wird viel Geld verschwendet.
Die Lösung kann aber nicht im BGE liegen.
Das BGE ist müsste relativ niedrig sein, so dass man zwar davon leben kann, aber auch keinen Cent mehr. Zum einen, weil es anders nicht finanzierbar ist - auch nicht mit all den Einsparungen in der Verwaltung und bei der Rente - und zum anderen, weil für unattraktive Arbeiten sonst kaum Arbeitskräfte zur Verfügung stehen würden. Es müssen aber auch diese Arbeiten gemacht werden, damit die Gesellschaft existieren kann. Es muss Müllabfuhr und Winterdienst geben, es muss im Krankenhaus sauber gemacht werden, es können sich Klempner nicht nur die angenehmen Arbeiten an Gas und Wasser raus picken sondern sie müssen auch den unangenehmen Teil "Scheiße" machen, es muss Leute geben die im Schichtdienst arbeiten usw. usf.
Lisey hat geschrieben:Das Grundeinkommen würde immerhin dafür sorgen, dass Menschen ihrer "Berufung" nachgehen könnten und nicht aus reiner Not irgendeinen Scheißjob annehmen müssten. Ein Job ist kein Beruf. Ich glaube nicht, dass ganz Deutschland dann plötzlich nicht mehr arbeiten würde.
Nein, ganz Deutschland würde nicht die Arbeit hin schmeißen. Aber zu viele, als dass die anderen diese Menschen mitversorgen könnten.
Und stell Dir vor, es ist Heiligabend, im Krankenhaus hat einer die Notaufnahme vollgekotzt. Das weg zu machen, ist ein Scheißjob, aber gemacht werden muss es. Ich möchte diesen Job auch nicht. *
Aber vor der Putzfrau aus dem Krankenhaus habe ich mehr Respekt als vor einem Klaus Beimer, der Journalist werden will und nichts anderes. Er kanns nicht, er hat die entsprechende Ausbildung nicht, es gibt zu wenige Stellen, aber er will es eben. (Gut, das stimmt jetzt nicht mehr, aber in seiner HartzIV-Zeit war es so) Und erst recht mehr Respekt als vor Justin (21, Name selbstverständlich geändert), der seine Ausbildung abgebrochen hat und seitdem faulenzt und keinen Bock hat, das zu ändern.
Lisey hat geschrieben: (ALG I, ALG II) würde es dann nicht mehr geben. Die Renten würden auch wegfallen.
Mein Vater hat, wenn man die Lehre mitrechnet (zu seiner Zeit ging man noch mit 14 in die Lehre), 51 Jahre im Bergbau geschuftet, zuerst unter Tage und dann bei Wind und Wetter im Tagebau gearbeitet. Und nun hat er eine gute Rente.
Gäbe es BGE, hätte er nicht mehr Geld als Justin.
Ebenso erginge es jemandem, der lange Jahre gearbeitet hat und vielleicht mit Mitte 50 seine Stelle verliert und lange ergebnislos nach einer neuen sucht. Kein Cent mehr als Justin.
Es ist auch keine Lösung, für die jetzigen Rentner und die kurz davor Stehenden eine Übergangslösung zu schaffen und den anderen zu empfehlen, sich eine private Alterssicherung von dem Geld zu schaffen, das sie nun nicht mehr für die gesetzlichen Rentenbeiträge ausgeben müssen.
Denn eine private Versorgung aufzubauen ist in Zeiten wie unserer, wo die Zinsen nicht mal die Inflation ausgleichen, schwierig. Und wenn es mal einen richtig Knall gibt, kann so eine private Geldanlage auch mal komplett weg sein.
Und was macht mit denen, die nicht für's Alter sparen, obwohl sie es könnten? Weil sie es nicht einsehen, nicht begreifen, nicht mit Geld umgehen können usw.? Das sind aber trotzdem keine schlechten Menschen, die es verdient haben, nach einem arbeitsreichen Leben nicht mehr zu haben als Justin.
Diese Menschen vermittels gesetzlicher Rentenversicherung zur Altersvorsorge zu zwingen ist eine der Fürsorgepflichten des Staates.
Die Wirtschaft würde nicht angekurbelt, denn es wäre nicht mehr Geld zum Ausgeben vorhanden als jetzt, auch nicht in den Bevölkerungsschichten, die ihr Einkommen vollständig ausgeben und nichts ansparen können oder wollen.
Andererseits würden sich viele Waren und Dienstleistungen massiv verteuern, weil die zur Herstellung nötigen Arbeitskräfte sehr hoch bezahlt werden müssten, damit die unangenehmen Arbeiten überhaupt jemand macht. Man kann aber nicht nur für die Scheißjobs mehr zahlen und die anderen Arbeitskräfte gehen leer aus - also muss auch deren Einkommen erhöht werden. Entsprechend steigen die Preise - das BGE reicht nicht mehr zum Leben, muss erhöht werden und dann beginnt die Spirale von vorn.
Turrican4D hat geschrieben:Das Recht für jeden Bürger, in seinem Traumberuf arbeiten zu können - unabhängig von seiner persönlichen Eignung und dem Vorhandensein entsprechender Arbeits- oder Ausbildungsplätze - oder anderenfalls von der Allgemeinheit alimentiert zu werden, kann der Staat nicht bieten.
Das muss der Staat sogar bieten, da jeder Grundrechtsträger, dessen Einkommen sich unterhalb des Existenzminimums befindet, das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum hat,
Das muss der Staat nach Deiner Lesart vielleicht bieten, er
kann es aber nicht. Denn zum einen müssen eben auch die weniger attraktiven Arbeiten gemacht werden. Von Vollautomatisierung zu träumen bringt nichts. Kann sein, dass in hundert Jahren niemand mehr Kranken und Pflegebedürftigen den Hintern abwischen muss und niemand Weihnachten (nur mal als Beispiel) irgendwo arbeiten muss. Und dass ausreicht, wenn jeder nur noch eine Stunde pro Tag arbeitet oder auch gar nicht und dass trotzdem alle Produkte und Dienstleistungen hergestellt werden können, die die Allgemeinheit zum leben braucht.
Aber darüber können die Leute nachdenken und Grundrechte daraus ableiten, wenn es soweit ist. Im Jahr 2016 ist das sinnloses Geschwafel.
Und zum anderen müsstest Du eine Grenze ziehen, wie viele Menschen das Recht in Anspruch nehmen können, von den anderen alimentiert zu werden.
Diese anderen
müssen arbeiten, um sich selbst und die Kläuse und Justins zu versorgen. Irgendwo wäre der Punkt, an dem kein weiterer Mensch diese vermeintliche Grundrecht mehr in Anspruch nehmen kann, weil die verbleibenden Arbeitenden es einfach nicht mehr schaffen würden, für alle zu sorgen.
Und noch was zum Thema Zwangsarbeit (Achtung, jetzt wird's sehr sarkastisch):
Ja, in Deutschland leisten Menschen Zwangsarbeit. Nämlich diejenigen, die Verstand und Verantwortungsbewusstsein haben und somit einsehen, dass gearbeitet werden muss, damit alle leben können. Diese Leute werden gezwungen, Steuern zu zahlen. Und diese Steuern werden unter anderem dafür ausgegeben, die Träumer wie Beimers Klaus und die Faulenzer wie Justin zu alimentieren.
In der Arbeitszeit, in der sie unfreiwillig diesen Steueranteil erarbeiten, leisten sie Zwangsarbeit.
*Geändert, weil der restliche Satz unanständig war
Zuletzt geändert von nurmalso am 12.02.2016, 11:58, insgesamt 1-mal geändert.