Aus der online-Ausgabe des SPIEGEL vom 10. Juli 2007
AKW-PANNE
Umweltministerium wirft Krümmel-Personal Fehler vor
Vattenfall schirmt Schichtleiter und Reaktorfahrer des Kernkraftwerks Krümmel ab. Doch weil das Umweltministerium "deutliche Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten" sieht, will es beide direkt befragen. Experten warnen: In Deutschland fehlt Atom-Know-how.
Berlin - Das Bundesumweltministerium hat den Betreibern des Vattenfall-Atommeilers Krümmel "Fehlverhalten" nicht nur bei der Bedienung des Reaktors vorgehalten - sondern auch bei der Aufklärung des Störvorfalls. Die technischen Abläufe in der Anlage am 28. Juni hätten bei dem Krisengespräch gestern in Kiel "weitgehend aufgeklärt werden können", teilte das Ministerium zwar heute mit. Doch das ist für die Aufsicht kaum Grund zur Entwarnung.
Denn es bestehe "weiterhin Unklarheit über Ausmaß und Ursachen des Fehlverhaltens der Bedienungsmannschaft", findet das Bundesumweltministerium. "Die bisherigen Einlassungen des Betreibers hierzu sind völlig unzureichend." Entgegen der Forderung der Bundesaufsicht hätten weder der für die Steuerung verantwortliche Schichtleiter noch der ihm unterstellte Reaktorfahrer an dem Gespräch teilgenommen. Auch der Sprecher der schleswig-holsteinischen Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) - zuständig für die Atomaufsicht - hatte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisiert, dass Vattenfall die beiden Mitarbeiter abschirmt (mehr...).
Das zur Begründung angeführte "Schutzbedürfnis" dieser Personen und der Verweis auf die noch laufende Analyse seien angesichts der Bedeutung der Sachaufklärung "nicht akzeptabel", teilte das Bundesumweltministerium mit. Es bestehe deshalb auf einem Gespräch, an dem auch Schichtleiter und Reaktorfahrer teilnehmen: "Von diesem Gespräch werden weitere Hinweise zum technischen Ablauf des Ereignisses, vor allem aber Hinweise auf mögliche Mängel in der Zuverlässigkeit - Organisation, Fachkunde, Ausbildung, Training im Simulator etc. - erwartet."
Experten: Deutschland verliert Atom-Know-How
Über ein mögliches Wiederanfahren des Atomkraftwerks Krümmel werde einvernehmlich zwischen der Landesaufsicht in Kiel und dem Bundesumweltministerium entschieden. Vattenfall war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen, hat aber für den heutigen Dienstagnachmittag zu einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz nach Berlin geladen. Das Unternehmen hatte am vergangenen Freitag selbst eingeräumt, die Schnellabschaltung des Reaktors in Krümmel sei nicht nötig gewesen.
Der Reaktorfahrer habe sie von Hand durchgeführt, weil er gemeint habe, eine entsprechende Anweisung von seinem Schichtleiter erhalten zu haben. Der Schichtleiter trägt die Verantwortung für die Steuerung der Anlage; der Reaktorfahrer steuert den Reaktor unter der Aufsicht und nach den Vorgaben des Schichtleiters.
Vor diesem Hintergrund ist eine Debatte über die Qualifikation der Betriebsmannschaften deutscher Kernkraftwerke entbrannt. Der frühere Chefingenieur des schwedischen Atomkraftwerks Forsmark, Lars Olov Höglund, kritisierte im ARD-Morgenmagazin: Weil in Deutschland seit 20 Jahre nicht mehr in die Forschung für Kernkraftwerke investiert werde, verschwinde auch die nötige Kompetenz beim Personal. Im Kraftwerk Forsmark - ebenfalls von Vattenfall betrieben - war es im vergangenen Jahr zu einem Aufsehen erregenden Störfall gekommen.
Michael Sailer, Kernkraftexperte am Ökoinstitut und Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes, sagte der "Frankfurter Rundschau", die erste Generation der Betriebscrews sei oft schon im Ruhestand. Zudem sorgten technische Umbauten dafür, dass die alten Reaktoren zunehmend schwer zu überblicken seien. Sailer fürchtet daher, dass Probleme wie in Brunsbüttel oder Krümmel künftig häufiger auftreten werden.
Politiker wollen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft
Der SPD-Energieexperte Hermann Scheer forderte im RBB wegen der jüngsten Störfälle in den AKW Krümmel und Brunsbüttel ein Eingreifen der Staatsanwaltschaft. Scheer verwies auf den Straftatbestand der "fehlerhaften Herstellung von kerntechnischen Anlagen". Dieser sei schon dann gegeben, wenn leichtfertig gehandelt und eine Gefahr für Leib und Leben anderer fahrlässig verursacht werde. "Ich denke, bei solchen Gefahren wie der Atomkraft ist hier eine staatsanwaltliche Ermittlung jetzt überfällig", sagte Scheer weiter.
Der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Itzehoe, Friedrich Wieduwilt, sagte auf Anfrage, einen Anlass für Ermittlungen von Amts wegen sehe die Behörde bislang nicht. Dafür wären demnach Anhaltspunkte für eine tatsächliche Gefährdung der Bevölkerung notwendig. Auch Strafanzeigen wegen der Störfälle lägen bei der Behörde bisher nicht vor, sagte Wieduwilt. Bei der Schnellabschaltung des AKW Krümmel nach einem Trafo-Brand war es am 28. Juni zu mehreren Pannen gekommen. Probleme beim Wiederanfahren des nach einem Kurzschluss ebenfalls vom Netz genommenen Meilers in Brunsbüttel hatte der Betreiber Vattenfall gleichfalls erst mit Verzögerung mitgeteilt.
Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, forderte nach den Pannen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel Konsequenzen für den Betreiberkonzern Vattenfall. "Es liegen Tatsachen für Bedenken vor und es wäre richtig, die Lizenz zum Betreiben von Atomkraftwerke zu entziehen", sagte Künast bei einer Veranstaltung in Dresden unter Bezug auf das Atomgesetz: "Ich bin entsetzt über die Unbekümmertheit, mit der Vattenfall in Deutschland und Schweden Atomkraftwerke betreibt." Die Veröffentlichung der Probleme im Internet durch Vattenfall bezeichnete sie als "eine Art Nebelkerze", sagte Künast. Die schleswig-holsteinische Ministerin Trauernicht hatte Vattenfall mit Lizenzentzug gedroht (mehr...). Ihr Sprecher sagte, diese Option werde nach wie vor rechtlich geprüft.
hen/stx/dpa/AP/AFP
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mens ... 93,00.html