Aus der online-Ausgabe des SPIEGEL vom 01. Oktober 2006...:
"WETTEN, DASS...?"
Von Schmachtfetzen und Schnellsprechern
Hollywood-Granden, vier berühmte Hände und eine superschnelle Zunge: Thomas Gottschalk setzte bei der ersten Ausgabe von "Wetten, dass...?" nach der Sommerpause auf sein übliches Rezept aus Prominenz und ungewöhnlichen Wetten. Damit kam er auf eine verblüffende Einschaltquote.
Karlsruhe - Für Thomas Gottschalk bot die erste "Wetten dass?"-Sendung nach der Sommerpause gleich eine große Überraschung: Musste er doch feststellen, dass nicht jedes Kind seine Sendung kennt. Zumindest konnte sich der kleine Schauspieler Luka Kumi, der an der Hand seiner Filmmutter Veronica Ferres Werbung für den ZDF-Film "Neger, Neger, Schornsteinfeger" machte, nicht daran erinnern, jemals den Klassiker der deutschen Fernsehunterhaltung gesehen zu haben.
Für die anderen Zuschauer bot die Sendung aus Karlsruhe am Samstagabend wieder die übliche Mixtur aus Spaß und Show. Wie immer konnte man nicht nur bei spannenden Wetten wie Zungenbrecher-Aufsagen in Rekordgeschwindigkeit oder Luftballon-Aufpumpen mit dem Bauch mitfiebern. Vor allem gaben sich auch wieder die bei "Wetten, dass?" üblichen Stars die Klinke in die Hand, um Werbung für ihre neuesten Filme oder CDs zu machen. Gesehen wurden sie dabei nach ZDF-Angaben von 12,02 Millionen Zuschauern, was einem Marktanteil von 43,4 Prozent entspricht.
Ferres stellte den auf einem autobiografischen Bestseller beruhenden Zweiteiler "Neger, Neger, Schornsteinfeger" vor: Der Film zeigt die Geschichte eines dunkelhäutigen deutschen Jungen im Dritten Reich, der dank seiner couragierten Mutter und der Hilfe einiger weniger Mitbürger den NS-Rassenwahn überlebt. Ferres rief zum Kampf gegen Rassismus und für Zivilcourage auf: "Wenn man Mut hat und aufsteht, kann man viel bewirken."
In der anschließenden Plauderei mit Gottschalk verriet Ferres, dass sie lieber Briefe schreibt als E-Mails. Kurz danach war sie auch schon wieder zum nächsten Termin verschwunden - an der Hand von Fußball-Legende Franz Beckenbauer, der einen Kurzauftritt hatte, um den Gewinnern der Kinderwette einen Besuch beim Training und einem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft zu schenken. Die Mädchen hatten gezeigt, dass man Bälle nicht nur mit der Hand, sondern auch mit den Kniekehlen sehr gut fangen kann.
Fußball- und Pianogötter
Doch Ferres war nicht der einzige Gast auf Durchreise: Auch ihre Hollywood-Kollegen Kevin Costner und Ashton Kutcher, die ebenfalls ihren neuen Film vorstellten, blieben nicht die ganze Sendung. Vor ihrem Abgang sorgten die beiden Wettpaten für viele Lacher, als sie nach verlorener Wette die Speisekarte des Klinikums Karlsruhe für das Krankenhausfernsehen vorlesen mussten. Costner stolperte schon beim Wort "Brokkoli", und Kutcher schlug sich tapfer mit "Blumenkohlsuppe und Lauchschnittkäse". "Das ist wirklich schweißtreibend hier", gestand Kutcher.
Im fliegenden Wechsel nahmen dann die Schauspielerinnen Karin Dor, Barbara Auer und Katja Riemann auf der Couch Platz, um für den dritten Film an diesem Abend, "Ich bin die andere", Werbung zu machen. Sie blieben immerhin bis zum Schluss der Sendung und konnten daher den Auftritt von Regisseur Sönke Wortmann und dem Ex-Nationalmannschafts-Torhüter Oliver Kahn miterleben, die den WM-Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" vorstellten. Wortmann hatte die Mannschaft auf ihrem Weg zum "Weltmeister der Herzen" mit der Kamera begleitet. "Ich hätte es nicht besser erfinden können", sagte er über die vier Wochen im Sommer.
Auch Kahn zeigte sich trotz wenige Stunden zuvor verlorenen Bayern-Spiels entspannt auf der Couch und blickte positiv auf die WM zurück: "Ich habe einfach Spaß gehabt." Es sei eine außergewöhnliche Situation gewesen, wenn man plötzlich auf der Bank sitze. "Ich habe versucht, den Jungs meine Erfahrung zur Verfügung zu stellen." Die WM bezeichnete Kahn als "fantastisches Ereignis" - ein solches bescherte er offensichtlich auch durch seine pure Anwesenheit dem nächsten Gast, dem chinesischen Musiker Lang Lang, der als derzeit weltbester Pianist gilt: Dieser zeigte deutlich seine Verehrung für "King Kahn", der in Asien wie eine Art Gottheit verehrt wird.
Vom Juristen beim "Kriminal-Tango" geschlagen
Lang Lang seinerseits versetzte die Zuschauer in Begeisterung, als er eine Kostprobe seines außergewöhnlichen Könnens - und natürlich seiner neuen CD - gab. Ein Hotel in der Umgebung von Karlsruhe kann sich freuen, denn demnächst wird Lang Lang seine verlorene Wette einlösen, indem er dort als Bar-Pianist auftritt.
Die Sängerin Pink - die kurzzeitig auch auf der Gästecouch Platz nahm -, Schmachtsänger Julio Iglesias und die indische Tanz-Show "Bahrati" gehörten zu den weiteren Show-Gästen. Wett-König wurde ein Jura-Professor, der selbstgeschriebene Zungenbrecher in einer solchen Geschwindigkeit innerhalb einer Minute runterratterte, dass die Aufnahme wesentlich langsamer abgespielt werden musste, um feststellen zu können, dass er den Sermon fehlerfrei geschafft hatte. Daneben hatte ein Vietnamese einen Luftballon mit dem Bauch aufgepumpt, ein Polizist hatte von vorbeirasenden Autos die Daten für die Abgasuntersuchung vom Nummernschild abgelesen, und ein junger Mann hatte ungelöste Sudoku-Rätel in einer Masse gelöster Sudokus wiedererkannt.
Geschlagen geben musste sich Gottschalk bei der Saalwette: 67 Juristen tanzten auf dem Schlossplatz der "Stadt des Rechts" "Kriminal-Tango". Deshalb muss der Moderator demnächst in Düsseldorf als "Fachverkäuferin" Parfüm verkaufen.
Oliver Schmale, AP
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,440274,00.html