Zitat:
@ ein Zuschauer um 10:54 Uhr
Ein Tadel für den Stalker
Die Stalking - Episode reizt mich seit einigen Wochen eher zum Sich-drüber-Lustigmachen als etwa zum Nachdenken oder zur Parteinahme für die Opfer. Und ich habe mich gefragt, woran das liegen könnte. Die Art, wie hier das Drehbuch eine schwere Psychose sprachlich und handlungstechnisch simuliert, finde ich durchaus gelungen. Trotzdem ist die Story einfach nicht "echt", sie "lebt" nicht. Sie kommt einfach zu "künstlich" daher.
Wenn man in den Medien über das Thema "Stalking" liest oder hört, dann eigentlich immer im Zusammenhang mit Fällen, in denen schon im Vorfeld eine - und sei es auch noch so oberflächliche - persönliche Beziehung zwischen dem "Stalkenden" und seinem/ihrem Opfer bestanden hat. Oft ist es der Ex-Partner, der eine Trennung nicht verkraften konnte und sukzessive Verhaltensweisen entwickelt, die Merkmale des Stalking aufweisen. Oder es handelt sich um einen Bekannten/eine Bekannte des Opfers, der/die sich mit seinen/ihren Wünschen zurückgewiesen fühlt und dagegen mit "Aktion" meint protestieren zu müssen.
Ja, auch im Falle gestalkter Prominenter (wo die Bekanntschaft eher einseitig sein dürfte) ist solch eine Beziehung vorhanden - wenn auch nur in der Phantasie des Stalkers. Aber selbst in solchen Fällen dürfte eine Entwicklung stattgefunden haben, bevor es zu Aktionen kommt, die für den Betroffenen unzumutbar sind.
Aber wie lief es hier? Wo war hier die persönliche Beziehung? Der Stalker war plötzlich präsent, nachdem er ein Bild von Irina im Internet gesehen hatte. Und er war bereits bei seinem ersten Auftreten "voll ausgerüstet" wie ein KGB-Agent, mit Kamera, Tele-Objektiv, illegal beschafften Mobiltelefonen. Und offenbar hatte er auch ein funktionierendes Netzwerk im Hintergrund, um Geldtransfer (Bezahlung für das Date) oder Paket- und Blumensendungen vornehmen zu können, ohne identifizierbar zu sein. Wie muss ich mir das vorstellen? Hat da jemand Irina im Netz gesehen und sich gleich gesagt "Die sieht ja nett aus, die stalke ich grad mal"???
Was für mich außerdem im Unklaren bleibt: Was WILL der eigentlich von Irina??? Was ein zurückgewiesener Ex oder Bekannter will, ist klar: er hofft, das Opfer emotional so weit zu kriegen, dass es sich (wieder) auf ihn einlässt. Was der stalkende Fan will, ist ebenfalls einigermaßen klar: er will wahrgenommen werden und sich für "seinen" Star aus der anonymen Masse der anderen Fans abheben.
Alles, was wir hier an Information mitbekommen haben, ist, dass der Stalker sich von Irina "Respekt" wünscht. Weiter nichts? Und wenn er sie anruft, betet er ihr das regelmäßig vor wie ein Oberlehrer? Da wär ich als Opfer - wie Irina ja auch - irgendwann allerdings auch eher gelangweilt als ängstlich. Dann stimmt aber entweder die Handlung nicht, oder es stimmt nicht, was ich aus nicht-fiktionalen Quellen zum Thema Stalking weiß...
Meine Einschätzung daher: die Story ist schlecht recherchiert und schlecht umgesetzt. Alles in allem finde ich außerdem, die Produktion "Lindenstraße" macht es sich etwas zu einfach, indem sie das Mode-Etikett "Stalking" einer Figur anklebt, die augenscheinlich dermaßen gestört ist, dass sie jegliche Bodenhaftung verloren hat.
Als Helga noch jahrelang nach der Trennung von Hans nicht wahrhaben wollte, dass es "aus" ist, und einiges in Bewegung gesetzt hat, um ihren Ex zurückgewinnen - ging das nicht auch irgendwie in die Richtung "Stalking"?
Und was ist mit Olaf, der monatelang hinter seiner Ines herlief, Blumen schickte, täglich im Café auftauchte, obwohl die davon nur noch genervt war? War das im Grunde genommen nicht "Stalking" vom Feinsten?
Ich denke, unter entsprechenden Umständen können viele Leute zu Stalkern werden, die ansonsten ganz "normal" daherkommen. Die Lindenstraße dagegen behauptet: unter einem richtigen "Stalker" verstehen wir nur Leute, die so krank sind, dass wir sie ihre Beweggründe nicht wirklich verstehen können. Alle anderen sind im Grunde o.k.
Vielen Dank auch für die "Volksaufklärung"!
ein Zuschauer
...Toschi, die Zuschrift ist von Dir, oder...?°